Die Region Rhône-Alpes ist so etwas wie Frankreich im Taschenformat. Kurvenhungrige kommen auf dem Weg nach Süden vor allem im Vercors auf ihre Kosten.

Wir konnten es kaum abwarten, uns Richtung Süden aufzumachen. Ich machte es mir hinter meinem Lieblingsfahrer gemütlich, denn es lockten uns fahrerische Leckerbissen der Spitzenklasse. Die wirklich traumhaften Straßen entlang der landschaftlichen Naturwunder des Vercors wollten unter die Räder genommen werden.

Unsere Vorfreude wurde aus Erfahrungswerten gespeist. An die Fahrten durch den schroff ansteigenden Gebirgsstock zwischen den Départements Isère und Drôme in der Region Rhône-Alpes konnten wir uns mehr als lebhaft erinnern. Als erstes machten wir der Schlucht Gorge de la Bourne unsere wiederholte Aufwartung. Grauer, glatter Asphalt unter uns, immer wieder porös wirkende, graue Felsvorsprünge über uns und scheinbar unendliche Tiefe neben uns: Die Straße scheint hier förmlich an den Felsen getackert worden zu sein. Nur wenige Kilometer später: grandioses, enges Asphaltgeschlängel durch die Natursteindurchbrüche von Combe Laval bis hinauf zum Col de la Machine.

In ruhigen Schwüngen folgte mein Lieblingsfahrer den von den natürlichen Begebenheiten vorgegebenen Kurven. Unsere Helme waren, wie fast immer, via Bluetooth miteinander verbunden, so dass wir uns unproblematisch austauschen konnten. Seiner Stimme entnahm ich, dass das Grinsen in seinem Gesicht immer breiter wurde.

Kurz hinter dem Col de la Machine legten wir eine kurze Pause ein. Ein kurzer Blick auf die Karte verriet uns, dass wir nur rechts in Richtung St. Jean-en-Royans abbiegen mussten, um dann zu dem Ausgangspunkt dieses Kurvenabenteuers zurückzukehren. Nichts wie hin und noch einmal Genießen!

Die Wiederholung des Ganzen schmälerte den Genuss keineswegs, dennoch mussten wir uns irgendwann einmal vom Vercors trennen. Wir nahmen uns vor, irgendwann einmal ein Zelt einzupacken, um für einige Tage nichts anderes als die vielen kleinen Nebenstraßen, die mehr als einladend immer wieder nach uns zu rufen schienen, zu entdecken. Für einen einzigen Tag ist das Gebiet einfach zu groß. Kein Wunder, schließlich ist es mit seinen 170 Quadratkilometern das größte Naturschutzgebiet der Grande Nation.

Gemütlich fuhren wir nun hinab ins Tal der Drôme-Diois, deren Hinterland ebenfalls von dem bereits bekannten grau-weißen Felsgestein geprägt ist. Hinzu kommt die sanfte Flusslandschaft, die sich durch die lieblichen Seitentäler, die förmlich in die immer wieder zu erblickenden Felsen des Vercors in unserem Rückspiegel hinaufzuklettern scheinen. Pittoresk ist auch der Anblick teils durchaus trutziger Burgruinen, die sich in unser Blickfeld schmuggeln.

Kurz bevor wir das Städtchen Die erreichten, schwenkte mein Fahrer unvermittelt scharf rechts ein. Via Helm verriet er mir: „Lass uns noch geschwind den Col de Marignac und den de la Croix mitnehmen.“ Ich nickte zustimmend und jauchzte Minuten später fast vor Begeisterung: Kurven satt bis nach Crest.

Hier waren wir nun definitiv im Süden angekommen. Erstaunlich genug, da wir uns nach wie vor innerhalb ein und desselben Départements – und zwar in der Drôme – befanden. Statt weißem Kalkstein, herrschte nun Farbe vor. Blau-violette vor allem, denn ab hier prägen die Lavendelfelder die Landschaft. All die klassischen „Provence-Liebhaber“ scheinen nie einen Abstecher in diesen Teil Frankreichs gemacht zu haben, denn die Drôme ist ungleich spannender, weil vielfältiger.

Der nächste Morgen startete sonnig und versetzte uns in eine dementsprechend gute Laune. Von hier aus sollte unsere Tour uns weiter in Richtung Süden bringen. Der erste Höhepunkt des Tages hieß: Col de Fays. Kurven ohne Ende trugen uns bis nach La Motte und ruhige Landstraßen weiter nach Nyons. Dann wollten wir dem heiligen Berg der Radler dieser Welt noch einen Besuch abstatten. Aber natürlich motorisiert!

An diesem Tag wurden wir der Rhône-Alpes zwar ganz kurz untreu – aber es ging einfach nicht anders. Von gerade einmal 317 Metern in Malaucènne kommend, klettert die Straße bis auf 1919 Meter hinauf zum Col des Tempêtes, besser bekannt als Mont Ventoux. Der Anstieg verläuft zwar nahezu geradlinig, langweilt aber dennoch nicht. Etwa 1200 Höhenmeter trennen die Passhöhe dann vom Dörfchen Sault, wiederum im Lavendelgebiet und unterhalb des Berges gelegen – und die sind kurvenreich und spannend.

Im Anschluss ging es wieder gen Norden. In Montbrun-les-Bains wollten wir einen kleinen Kaffeestopp einlegen. Doch Pustekuchen: Das Dorf ist autofreie Zone. Das beinhaltet dann ja wohl auch unser Gefährt. Nächster Versuch: Buis les Baronnies. Diese Stadt markiert den Übergang von Diois zu den provenzalischen Voralpen. Als sehr attraktiv entpuppte sich im Anschluss unser weiterer Weg über St. Auban. Hoch hinaus ging es wieder ins Hügelland und das Asphaltband passte sich in Schlangenlinien den geographischen Gegebenheiten an, was uns wieder traumhafte Motorradstrecken bescherte. Diese hatten wir übrigens selbst im Hochsommer nahezu fast für uns alleine.



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